Michael Goldmann

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Freitag, 10. Februar 2012

Vortrag ''Europa und der moderne Islam''

Konferenz der FNSt am 16. August 2005 in Berlin

„Islamische Kultur und Erziehung in Europa“


„Muslim zu sein, das bedeutet etwas über den religiösen Bereich hinaus für die Lebensführung und die Zukunftsorientierung.“


Konferenz der FNSt am 16. August 2005 in Berlin

„Islamische Kultur und Erziehung in Europa“

„Muslim zu sein, das bedeutet etwas über den religiösen Bereich hinaus für die Lebensführung und die Zukunftsorientierung.“ So drückten es muslimische Jugendliche in der Shell-Studie 2000 aus. Islamische Kultur – das ist mehr als nur das Bekenntnis zu dem einen Gott. Islamische Kultur umfasst das ganze Leben: Beachtung religiöser Feiertage, der Speisevorschriften, Ablehnung des Alkoholkonsums, Bekleidungsvorschriften, ja sogar die Wahl eines Lebenspartners und natürlich Erziehungsfragen der Kinder.

Was aber ist die islamische Kultur in Europa?Kultur, das sind die gemeinsamen Werte, Tugenden und Vorstellungen, aber auch die in einer Gemeinschaft anerkannten gewachsenen Strukturen und Institutionen sowie das Schaffen in geistiger, künstlerischer und handwerklicher Weise. Die islamische Kultur gibt es nicht – nicht in den islamischen Ländern, nicht in Europa. Türkische, arabische Muslime oder asiatische Muslime bringen unterschiedliche kulturelle Prägungen mit, beeinflusst von den Kulturen der Länder, aus denen sie stammen – und diese sind natürlich von vielen Faktoren der Geschichte, der aktuellen politischen Situation, der Kunst und der Geisteswissenschaften bestimmt, nicht allein von der Religion.

Wenn wir nun über eine islamische Kultur in Europa sprechen, dann müssen wir uns vergegenwärtigen, was unsere europäische Kultur ausmacht. Und schon stoßen wir auf das gleiche Phänomen: Die europäische Kultur gibt es nicht. Europa – und insbesondere die Europäische Union – wächst zwar zusammen: wirtschaftlich, militärisch, juristisch. Aber die unterschiedlichen Kulturen der Länder und Regionen bleiben erhalten. Diese kulturelle Vielfalt macht Europa aus. Natürlich gibt es auch gemeinsame prägende Vorstellungen und Werte in Europa, die in ihrer Gesamtheit aus einer jahrtausendealten christlichen Tradition sowie der Aufklärung hervorgegangen sind, wie auch aus den Erfahrungen von zwei Weltkriegen und einer eng verwobenen Geschichte seit der Antike.

Eine islamische Kultur in Europa, also eine identitätsstiftende gemeinsame Wertebasis der Muslime in europäischen Gesellschaften, muss sich vor diesem Hintergrund finden.Es ist völlig selbstverständlich, dass sich die europäischen Christen in ihrem Glaubensverständnis mit Europa, mit seiner Geschichte, mit seinen geistigen Wurzeln und mit den gesellschaftlichen Veränderung der modernen, westlichen Welt auseinandersetzen.

Ich will ein Beispiel nennen: Der Begriff der sozialen Gerechtigkeit wird besonders von den Kirchen intensiv diskutiert. Diese Diskussion orientiert sich natürlich an den christlichen Glaubenssätzen, aber ist auch geprägt von den Erfahrungen der europäischen Geschichte von Industrialisierung, Globalisierung und Massenarbeitslosigkeit. Das heißt, die christliche Kultur der Nächstenliebe, der Fürsorge für andere ist in Europa so, wie wir sie kennen, nur möglich in dem spezifisch europäischen Zusammenhang.

Eine islamische Kultur muss sich auch in diesem Zusammenhang bewegen. So wie sich die christliche Kultur in der Auseinandersetzung mit Habermas, Popper oder Kant entwickelt hat und stetig weiterentwickelt, so wie sich Christen in ihrem täglichen Leben mit den Wertvorstellungen einer pluralistischen und modernen Gesellschaft auseinandersetzen, so muss sich auch eine islamische Kultur in einen europäischen Bildungs- und Erfahrungshorizont einbringen.

Notwendig sind Rahmenbedingungen, in denen sich ein solcher Diskurs entwickeln kann. Dazu gehören die Einrichtung islamischer Theologielehrstühle und die religiöse Unterweisung von Kindern. Aber ebenso gehört dazu die Schaffung von Strukturen, die einen Dialog mit und innerhalb der muslimischen Gemeinschaft ermöglichen. Hier stehen die Muslime selbst in der Verantwortung.

Die Errichtung von Lehrstühlen für islamische Theologie ist notwendig, um einen theologischen und philosophischen Ansatz zu finden, wie der Islam im Zusammenhang europäischer Gesellschaften interpretiert werden kann. In vielen islamischen Staaten ist die Theologie eng mit der Jurisprudenz verquickt, was zu einer Sichtweise und Auslegung der Glaubenssätze führt, die mit dem Rechts- und Staatsverständnis in Europa nichts gemein haben. Ein intellektueller Diskurs ist vonnöten, um den Islam im Kontext einer säkularen Gesellschaft, deren Rechtsquellen nicht religiös bedingt sind, zu definieren.

Damit die Entwicklung eines europäischen Islam in diesem Sinne auch unter den Gläubigen verbreitet wird, ist es mittel- und langfristig unumgänglich, dass die Hochschulen und ihre Lehrstühle auch zu Ausbildungsstätten für Imame und Lehrer werden. In Deutschland gibt es beispielsweise in fast allen Bundesländern Religionsunterricht als ordentliches Schulfach, der sogar in unserer Verfassung garantiert ist. Bislang wird katholischer und evangelischer Religionsunterricht angeboten, in einigen Fällen auch jüdischer. Islamischer Religionsunterricht steckt aber noch in den Kinderschuhen. Einige Modellprojekte, z.B. in meiner Heimat Niedersachsen, zeigen jedoch gute Erfolge.

Voraussetzung für die flächendeckende Einführung islamischen Religionsunterrichts, der von Lehrerinnen und Lehrern erteilt wird, die an deutschen Hochschulen studiert haben, ist neben der Errichtung der entsprechenden Lehrstühle auch die Schaffung von Strukturen in der muslimischen Glaubensgemeinschaft, die es dem Staat ermöglicht, Ansprechpartner zu finden. Denn nach dem deutschen Modell sind für die Inhalte des Religionsunterrichts allein die erteilenden Religionsgemeinschaften zuständig, wenngleich natürlich eine staatliche Aufsicht besteht, so dass keine extremistischen Inhalte auf dem Stundenplan stehen können. Die Muslime in Niedersachsen haben es geschafft, sich zusammenzuraufen und gemeinsam mit dem Bildungsministerium ein Curriculum zu erarbeiten. In vielen anderen Bundesländern ist das aber leider noch nicht möglich.

Der christliche Religionsunterricht bietet neben der Vermittlung von Glaubensinhalten insbesondere den Rahmen zur Auseinandersetzung mit Werten und liefert einen Beitrag zur Selbstfindung des Individuums vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Situation. So beschreibt der Lehrplan des Landes Rheinland-Pfalz für evangelische Religion die Ziele des Unterrichts folgendermaßen: „Der Religionsunterricht leistet einen Beitrag zur allgemeinen menschlichen Bildung und Vernunftfähigkeit der Gesellschaft, wozu die kritische Reflexion von religiösen und weltanschaulichen Positionen sowie gesellschaftlichen Ansprüchen und Normen gehört. […] Der Religionsunterricht will in dieser Hinsicht einen Beitrag leisten zur Erziehung zu Toleranz, Akzeptanz, Friedfertigkeit und Verständigung als Überlebensbedingungen der Neuzeit.“

Wenn es einem islamischen Religionsunterricht in gleicher Weise gelänge, die muslimischen Schülerinnen und Schüler zum Nachdenken und zur Positionierung in religiöser wie auch gesellschaftlicher Hinsicht zu bewegen, wäre ein entscheidender Schritt zu einer islamischen Kultur europäischer Prägung gegangen.

Zu Beginn habe ich angesprochen, dass islamische Kultur viele Lebensbereiche umfasst. Während einige davon für den Betrachter nicht sichtbar wahrgenommen werden können, gibt es andere, die augrund ihrer deutlichen Symbolik immer wieder zum Stein des Anstoßes werden. Sie ahnen es, ich spreche vom Kopftuch, das viele muslimische Frauen tragen.

Bekleidungsvorschriften gehören ganz eindeutig zu einer Kultur. Wie aber gehen wir mit diesem Teil der islamischen Kultur um? Während es in England ganz selbstverständlich eine Polizistin mit Dienstkopftuch geben kann, dürfen in Frankreich schon Schülerinnen nicht mehr mit Kopftuch am Unterricht teilnehmen und in Deutschland gibt es in verschiedenen Bundesländern Gesetze, die das Tragen des Kopftuchs im öffentlichen Dienst verbieten.

Eine islamische Kultur europäischer Prägung muss selbstverständlich die in ganz Europa geltenden Grundrechte beachten und ehren, so auch das Recht auf Gleichberechtigung von Mann und Frau.

Die Frage, die wir uns hier stellen müssen, ist, ob das Kopftuch Teil einer islamischen Kultur in Europa sein muss. Der Zentralrat der Muslime in Deutschland schreibt zum Kopftuch auf seiner Internetseite islam.de in dem Artikel, der mit der Frage „Das Kopftuch – Eine islamische Erfindung?“ überschrieben ist: „Auch bedeckten jüdische Frauen bis ins 19. Jahrhundert in Europa ihr Haupt. […] Die christliche Tradition wird in der Tracht von Nonnen sichtbar, die schon immer ihre Haare bedeckten. […] Es liegt uns fern, Judentum und Christentum zu diffamieren, aber aus der Sichtweise des 20. Jahrhunderts erscheint die Lage der Frau in der jüdisch-christlichen Tradition wahrhaft furchterweckend. Andererseits sind fairerweise die historischen Umstände zu berücksichtigen, unter denen sich solche Traditionen entwickelten.“

Hier wird uns deutlich vor Augen geführt: Traditionen und Kultur unterliegen dem Wandel. Das Bild der Frau, ihre Rechte und auch die für sie geltenden Bekleidungs- und Verhaltensvorschriften wurde lange Zeit in Europa von christlichen und jüdischen Traditionen und Glaubenssätzen geprägt. Auch in der Bibel finden sich Textstellen, in denen die Verhüllung des Haares der Frau gefordert wird. Doch hat sich unsere Kultur verändert. Keine Christin – mit Ausnahme von Nonnen, die ihre Tracht tragen – in Europa käme heute doch auf die Idee, sie müsse ihr Haar bedecken, um ihrem Glauben genüge zu tun.

Eine islamische Kultur, die sich weiterentwickelt, wird möglicherweise auch zur Veränderung von Traditionen führen.Es ist ja schon heute sehr deutlich, dass im Islam ganz unterschiedliche Auffassungen darüber bestehen, ob es z.B. aus Glaubensüberzeugung notwendig ist, sich einen Bart stehen zu lassen. Die Taliban in Afghanistan hätten hier sicherlich eine ganz andere Antwort parat als ein Muslim in Istanbul.

Die Auslegung des Koran wird wohl eine ähnliche Entwicklung mitmachen wie die Auslegung der Bibel. Ein europäischer Islam wird neue Antworten finden auf Glaubensvorschriften und ihre Bedeutung.

Wie wir aber in der Zwischenzeit mit solchen Fragen umgehen, ob wir also beispielsweise das Kopftuch einfach verbieten, ist schwer zu beantworten. Die Religionsfreiheit – und als immanenter Teil davon die Freiheit, sein religiösen Symbole zu verwenden – ist in Europa schmerzlich erkämpft worden. Zu Recht ist sie in Deutschland nur durch andere Verfassungsgüter einschränkbar.

Religionsfreiheit darf kein Freibrief sein für jedwedes Verhalten, das mit unserer Verfassung und den Grundrechen nicht in Einklang zu bringen ist. Es wäre eine falsch verstandene Toleranz, wenn wir dulden, dass unsere Verfassungsgrundsätze und unser Recht durch diesen widersprechende und unvereinbare religiöse Traditionen und Kulturen außer Kraft gesetzt werden.

So ist unzweifelhaft in europäischen Gesellschaften eine Zwangsverheiratung – und sei sie auch religiös oder kulturell verankert – nicht zu dulden. So ist auch die Schulpflicht nicht disponibel. In Deutschland gibt es eine allgemeine Schulpflicht, die die Teilnahme am Sportunterricht wie auch am Biologieunterricht einschließt. Eine Freistellung aus religiösen Gründen, weil beispielsweise Mädchen ihre Bekleidungsvorschriften im Sportunterricht nicht einhalten könnten oder weil es grundsätzliche Vorbehalte gegen die Koedukation oder sexuelle Aufklärung gibt, darf es nicht geben. Damit gäben wir unser Recht der Beliebigkeit preis und öffneten Parallelgesellschaften Tür und Tor.

Eine islamische Kultur, wie ich sie oben skizziert habe, die also – wie auch die christliche Kultur – einen Lernprozess durchgemacht hat, wird mit solchen Problemen umgehen können und Lösungen anbieten, damit die gläubigen Muslime in ihrem Glauben und dem geltenden Recht und der Gesellschaft, in der sie leben, keinen Widerspruch sehen. Es ist und bleibt notwendig, klar und unverbrüchlich unsere Rechtsvorschriften durchzusetzen.

Vielen Dank.



Den Vortrag können Sie auch als PDF downloaden: Vortrag ''Europa und der moderne Islam''.pdf

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