New Age - Sinnsuche oder Kommerz?
New Age [engl.] - Begriffsdefinitionen:
Neues Zeitalter, das von einer spirituellen, ganzheitlichen Weltsicht geprägt ist [Wahrig, Deutsche Rechtschreibung].
Begriffsdefinitionen
New Age [engl.]
neues Zeitalter, das von einer spirituellen, ganzheitlichen Weltsicht geprägt ist [Wahrig, Deutsche Rechtschreibung]
New Age ist eine Sammelbezeichnung für diverse Praktiken, Weltsichten und Richtungen des
Okkultismus
(lateinisch occultum = das Verborgene, Geheime, Unbekannte)
Lehre von den (vermuteten) außersinnl. Wahrnehmungen (z. B. Telepathie) oder übersinnl. Kräften [Wahrig, Deutsche Rechtschreibung]
Ein Teilaspekt des Okkultismus ist die
Esoterik
(mystische, religiöse, philosophische) Geheimlehre, die nur Eingeweihten zugänglich ist; Lehre von den nicht rational zu erfassenden (außersinnlichen, okkulten) Phänomenen; esoterische Geisteshaltung, esoterische Beschaffenheit [Wahrig, Deutsches Wörterbuch]
Die Praktiken und Vorstellungen des Okkultismus umfassen unter anderem Kartenlegen (z.B. Tarotkarten), Pendeln, Gläserrücken, Telepathie, Geisterbeschwörungen, Horoskope, Edelsteintherapie, Aromatherapie, Feng Shui, Schamanismus, Wünschelruten, Satanismus und Schwarze Messen.
Aus der unvollständigen Aufzählung wird bereits deutlich, dass es sich beim Okkultismus nicht um eine einheitliche Bewegung handelt, sondern um eine unübersichtliche Menge an verschiedenen Ideen, die von harmlos absurd bis gefährlich zu kategorisieren wären.
Hintergrund
Festzustellen ist, dass der Okkultismus in Deutschland in den vergangenen zwei Jahrzehnten einen enormen Zulauf erhalten hat. Die Esoterik-Branche boomt mit einer Vielzahl von Angeboten z.B. für Ayurverda (indische Heillehre) über Feng Shui bis hin zu Yoga. Zielgruppe sind vor allem Frauen zwischen 30 und 40, die bereit sind, sich ihr spirituelles Wohlbefinden nicht unwesentliche Summen kosten zu lassen.
Zugleich haben Okkultismus-Messen und -Märkte steigende Besucherzahlen. Hierbei handelt es sich um Treffpunkte für Gleichgesinnte, zugleich aber auch um Informations- und Warenmärkte, auf denen pseudowissenschaftliche Bücher, Anleitungen, Pendel, Tarotkarten und andere Utensilien zu erwerben sind.
Es liegen keine aussagekräftigen Statistiken darüber vor, in welchem Ausmaß okkulte Weltanschauungen ernsthaft im Denken und Glauben der Menschen verankert sind. So gaben in einer Umfrage unter Studierenden in Westberlin in den 90er Jahren 65% der Befragten an, dass sie bereits okkulte Praktiken aktiv betrieben hätten. Darunter fallen aber auch viele, die z.B. auf Partys im Spaß gependelt haben oder ihre Horoskope lesen.
Hierzu wird in der Broschüre „Brennpunkt Esoterik“ der Arbeitsgruppe Scientology der Freien und Hansestadt Hamburg ausgeführt:
„Ob also die Jugendlichen tatsächlich ein okkultes Weltbild übernommen haben, sich aus Spaß und Zeitvertreib an okkulten Praktiken beteiligen oder eil es in ihrem Bekanntenkreis gerade beliebt ist, lässt sich in der Regel auf Grund der vorliegenden Untersuchungen nicht entscheiden. Jedoch ist darauf hinzuweisen, dass in der Jugend Verhaltensweisen erlernt werden, auf die später besonders in Krisensituationen zurück gegriffen werden kann.“ (Seite 46)
Es handelt sich jedoch nicht nur um ein Problem unter Jugendlichen, da die hohen Preise für okkulte Praktiken und „Lebenshilfe“ für diese Gruppe kaum erschwinglich sind. Allgemein kann festgehalten werden, dass bestimmte Personen durchaus dafür anfällig sein können, ihr Leben nach okkulten Praktiken auszurichten und z.B. Entscheidungen von den Karten oder einem Pendel abhängig zu machen.
Jedenfalls besteht die konkrete Gefahr, dass erhebliche finanzielle Mittel aufgewendet werden, um fragwürdige Erfolge zu erzielen. Verschiedene Gesetzgebungsverfahren zum Verbraucherschutz sind bisher nicht zum Abschluss gekommen. Seit September 2003 befindet sich ein Gesetzentwurf des Freistaats Bayern (Bundesrats-Drs. 690/03) im parlamentarischen Verfahren. Allerdings ist dieser im Bundesrat in den zuständigen Ausschüssen (Rechtsausschuss (federführend), Gesundheitsausschuss) noch nicht beraten worden.
Nur wenige okkulte Gruppen oder Vereinigungen haben sektenartigen Charakter. Im Gegensatz zu den Psychosekten der 80er Jahre (z.B. Osho-Bewegung) handelt es sich in der Regel um allenfalls lose Vereinigungen. Die meisten Anhänger okkulter Praktiken bilden sich aus Versatzstücken eigene Weltanschauungen und haben untereinander nur losen Kontakt. Dennoch gibt es Geheimbünde, die die Mitgliedschaft und die interne Hierarchie an strikte Regeln binden. Hier werden auch Repressalien angedroht, falls ein Mitglied aussteigen möchte.
Insbesondere trifft dies zu auf satanistische Gruppen, die im weiteren Sinne ebenfalls dem Okkultismus zugeordnet werden können. Der Satanismus zeichnet sich weniger durch den Glauben an den Teufel, als vielmehr durch die „Selbstvergottung“ des Menschen aus. Der Mensch wird zum Maß aller Dinge erhoben. Dies wird durch besondere Rituale, in denen Macht über belebte und unbelebte Dinge und Menschen ausgeübt wird, ausgedrückt.
Auch der Satanismus ist nur eine Sammelbezeichnung für die unterschiedlichsten Strömungen. Hier finden sich alte germanische Götterkulte ebenso wie altägyptische Kulte oder Vodoopraktiken. Zudem ist in manchen Ausprägungen eine Nähe zu faschistischem und neo-faschistischem Gedankengut (Blut und Boden-Ideologie, Herrenmenschen, namentlich die Germanen und Satanisten, die Eingeweihten) zu erkennen.
Nach Studien der 90er Jahre geben bis zu 2,4% der befragten Jugendlichen und Erwachsenen aktiv an sog. Schwarzen Messen beteiligen. Allerdings ist festzuhalten, dass hierunter auch Praktiken fallen, sich nachts auf dem Friedhof zu treffen und dort gemeinsam Wein zu trinken. Gerade unter Jugendlichen ist Satanismus, sog. Jugendzentristischer Satanismus, häufig nur eine Episode der Auflehnung im Rahmen des Erwachsenwerdens.
Wirklich gefährliche Satanistenbünde, Logen und Orden, deren Mitglieder organisierten (sexuellen) Missbrauch gerade von Kindern bis hin zu Morden begehen, sind in den vergangenen Jahren verschiedentlich in die Berichterstattung gelangt. Exakte Daten über Mitgliederzahlen, Missbrauch und Struktur liegen, wie man sich denken kann, nicht vor.
Es ist jedoch festzuhalten, dass es sich hierbei um ein spezielles Problem handelt, das mit Okkultismus weniger als mit Kriminalität und Psychopathie zu tun hat. Häufig tarnen sich Pädophile und Menschen mit krankhaften Gewaltvorstellungen als Satanisten und nutzen die Rituale, um sich andere Menschen, insbesondere Kinder, durch Angst willfährig zu machen. Die spektakulären Fälle, die in der Presse dargestellt wurden, dürfen nicht darüber hinweg täuschen, dass der Satanismus nur einen winzigen, wenn auch schrecklichen, Teil der okkultistischen Szene ausmacht.
Positionsbestimmung
Ob der große Zulauf zum Okkultismus Anlass zur Sorge sein muss, darf bezweifelt werden. Es fehlen aussagekräftige Statistiken, die eine ernsthafte Gefahr darlegen.
Allein die Tatsache, dass manche Menschen an Pendel, Astrologie oder Wünschelruten glauben, ihre Wohnung nach den Grundsätzen von Feng Shui einrichten oder ayurverdische Entspannungskurse besuchen, kann jedenfalls kein Anlass zum Einschreiten sein. Es ist jedem unbenommen, an den größten Unsinn zu glauben.
Eine Gefahr für den Rechtsstaat und die Demokratie besteht ebenfalls nicht. Natürlich finden sich in einigen Vereinigungen undemokratische Strukturen. Dennoch ist eine die Demokratie ablehnende Haltung dem Okkultismus nicht grundsätzlich eigen, sondern tritt allenfalls in extremen Fällen (z.B. Satanisten) auf. Die Anhänger des Okkultismus streben allgemein nach privater Lebenshilfe und nicht nach gesellschaftlichem Umsturz.
Entscheidend ist die Aufklärung der Menschen. Sie müssen in die Lage versetzt werden, ihre Entscheidung auf sachliche Grundlagen zu stellen. Hierbei kommt der Erziehung und Unterrichtung von Jugendlichen eine besondere Rolle zu. Nicht nur müssen sie die naturwissenschaftlichen Grundlagen erlernen, sondern ihnen muss auch eine feste Basis ihrer Wertbildung und -entwicklung auf den Weg gegeben werden. Nur wer stabile Wertvorstellungen hat, kann auch mit Krisensituationen umgehen, ohne auf fragwürdige Hilfe selbsternannter Wunderheiler zurückgreifen zu müssen. Nur wer die Naturgesetze kennt und auch die Grenzen er Erklärbarkeit und des menschlichen Wissens aufgezeigt bekommt, kann Phänomene richtig einordnen, denen von Okkultisten eine übernatürliche Bedeutung zugewiesen wird.
Wenn es um kommerzielle Angebote geht, ist der Verbraucherschutz gefragt. Heilsversprechen lassen sich aber – das liegt in der Natur der Sache – nicht einklagen. Der Ansatz der bayerischen Landesregierung aus deren Gesetzentwurf, wonach in einer Vertragsurkunde eine „genaue Beschreibung der Leistung und des angestrebten Ziels einschließlich einer kurzen Beschreibung der angewandten Methode, der vertretenden ethischen Werte und der theoretischen Grundlagen“ dargelegt werden muss, führt daher ins Leere. Allenfalls wird dies zu einer Menge pseudowissenschaftlicher Ausführungen führen, was dem Verbraucher nichts nützt.
Einen effektiven Schutz vor schädlichen Psychopraktiken kann man hierdurch nicht erreichen. Diese sind schon nach den allgemeinen Gesetzen, insbesondere nach dem Strafgesetzbuch, verboten und unter Strafe gestellt.
Der Verbraucherschutz kann nur eingreifen, wenn es um die konkrete Vertragsgestaltung geht. Der Verbraucher muss vor solchen Verträgen geschützt werden, die ihn z.B. zum (zusätzlichen) Erwerb von Materialien verpflichten, wenn er einen Kurs besucht. Mit andren Worten: es muss transparent sein, welche Kosten tatsächlich entstehen. Auch die Dauer und die Kündigungsmöglichkeiten müssen klar dargestellt sein. Ein gesetzliches Widerrufsrecht, wie in dem bayerischen Antrag vorgesehen, halte ich jedoch nicht für gerechtfertigt. Gesetzliche Widerrufsrechte sollen den Verbraucher vor übereilten Entscheidungen in überraschenden oder unübersichtlichen Situationen schützen (Haustürwiderrufsrecht, Fernabsatzwiderrufsrecht, etc.). Beim Besuch von Yoga-Kursen oder eines ayurverdischen Entspannungskurses ist weder ein Überraschungsmoment gegeben noch ist der Vertragspartner unbekannt. Der Anbieter solcher Dienstleistungen sind ganz normale Teilnehmer am Wirtschaftsleben und müssen als solche auch dahingehend, dass ihre Verträge Bestand haben, geschützt werden.
Das Problem der gewalttätigen Satanisten oder anderer Geheimbünde oder Vereinigungen, deren Gedankengut oder Handeln nicht mit den Gesetzen und der Verfassung vereinbar ist, muss mit den Mitteln des Strafrechts und des Verfassungsschutzes gelöst werden.





